NGC 6992 und 6995 – Cirrusnebel
Dieses Bild gehört zu meinen ersten richtigen Astrofotos. 2020 kam dafür noch meine Canon EOS 700Da am 800-mm-Newton zum Einsatz; über drei Nächte sammelte ich insgesamt 4 h 40 min Belichtungszeit. Gerade deshalb ist die Aufnahme für mich heute nicht nur wegen NGC 6992 und NGC 6995 interessant, sondern auch als Erinnerung an meine fotografischen Anfänge.
Der östliche Rand des Cygnus Loop
NGC 6992 und NGC 6995 bilden zwei der auffälligsten optischen Abschnitte am Ostrand des Cirrusnebels. Eine auf Gaia EDR3 gestützte Distanzbestimmung setzt das Zentrum des Cygnus Loop auf 725 ± 15 pc, also etwa 2.365 ± 50 Lichtjahre; seine Altersgrößenordnung liegt bei rund 20.000 Jahren. Für diese Aufnahme sind vor allem die heutigen Stoßfronten entscheidend: Sie laufen durch ein räumlich sehr ungleichmäßiges interstellares Medium und werden dort hell, wo Dichte, Geschwindigkeit und Blickgeometrie günstige Bedingungen schaffen.
In meinem Ausschnitt wechseln sehr schmale, fast haarfeine Bögen mit breiteren und diffuseren Zonen. Das ist keine bloße Folge des Stretchs. Die Front trifft entlang des östlichen Randes auf Gas unterschiedlicher Dichte, wird lokal abgebremst und verformt. Wo wir eine dünne leuchtende Schicht nahezu von der Seite sehen, summiert sich entlang der Sichtlinie besonders viel Emission; einzelne Fäden wirken dadurch überraschend scharf.
NGC 6992 und NGC 6995 sind keine gleichförmige Kante
NGC 6992 erstreckt sich katalogseitig ungefähr über 60 × 8 Bogenminuten, NGC 6995 über etwa 12 × 12 Bogenminuten. Schon im Bild wird deutlich, dass diese Bezeichnungen keine sauber abgegrenzten Körper markieren, sondern besonders auffällige Teile eines viel größeren Filamentsystems. NGC 6992 zieht sich lang und faserig durch das Feld; NGC 6995 wirkt kompakter und geht in weitere schwächere Strukturen über.
Die unterschiedlichen Emissionslinien reagieren auf verschiedene Bedingungen hinter der Stoßfront. Sauerstoffreiche und wasserstoffbetonte Filamente müssen deshalb nicht deckungsgleich liegen. Gerade in einer Schmalbanddarstellung lässt sich verfolgen, wie sich schmale Fronten aufspalten, wieder zusammenlaufen oder in diffuseres Gas übergehen. Entscheidend sind dabei die lokale Schockgeschwindigkeit, die Dichte des getroffenen Gases und die Geometrie der Front zur Blickrichtung.
Meine Aufnahme von 2020 im Vergleich zu späteren Bildern
Damals war der östliche Cirrus für mich ein ideales Objekt, um ernsthaft in die Deep-Sky-Fotografie einzusteigen. Mit 800 mm Brennweite stand die Filamentzeichnung im Vordergrund. Auch den westlichen Bereich um NGC 6960 habe ich mit der Canon 700Da aufgenommen. Später kam eine Weitfeldaufnahme des gesamten Cirruskomplexes mit modernerer Ausrüstung hinzu.
Dieser Vergleich verändert auch meinen Blick auf das alte Bild. Im engen Feld wirken NGC 6992 und NGC 6995 fast wie eigenständige Nebel; im späteren Weitfeld werden sie als östliche Segmente einer mehrere Grad großen Schockstruktur erkennbar. Gleichzeitig zeigt die ältere Aufnahme an den helleren Bögen Details, die im Gesamtfeld wesentlich kleiner erscheinen. Genau diese Mischung aus persönlichem Entwicklungsschritt und physikalisch sehr fein gegliederten Stoßfronten macht die Aufnahme für mich weiterhin interessant.
Ultraviolett-Spektroskopie misst die langsameren Kühlzonen
Schon Voyager-2-Spektren von NGC 6992 und NGC 6995 zeigten, dass bestimmte ferne UV-Linien sehr eng auf die optischen Filamente begrenzt sind. Aus diesen Daten wurden für die dort untersuchten Bereiche Stoßgeschwindigkeiten von ungefähr 70 bis 100 km/s abgeleitet; die Emission stammt aus vergleichsweise kühlen Zonen hinter dem Schock. Das passt gut zu meinem Bild: Ein heller Faden ist nicht einfach nur „mehr Nebel“, sondern kann eine dünne Abkühlungszone markieren, deren Sichtbarkeit stark von Dichte und Blickrichtung abhängt.
Aufnahmeplanung für Baden-Württemberg
Berechnung aus den Objektkoordinaten; berücksichtigt astronomische Dunkelheit und die Höhe über dem Horizont.
Aufnahme und Technik
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 28.07.2020, 29.07.2020, 08.09.2020
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 4 h 40 min
- Belichtungsangaben
- 56 × 300 s RGB
- Teleskop / Optik
- Omegon Newton Astrograph 8″ f/4, 800 mm
- Kamera
- Canon EOS 700Da
- Filter
- Baader UHC-S / L-Booster
- Korrektor / Reducer
- GPU 2″ Komakorrektor
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight; BlurXTerminator; NoiseXTerminator; GHS


