Sh 2-129 und Ou 4 – Fliegende Fledermaus mit Tintenfischnebel
Bei dieser Aufnahme war für mich von Anfang an klar, dass Ou 4 die eigentliche Herausforderung werden würde. Auf einem einzelnen 300-Sekunden-[O III]-Frame ist der Tintenfischnebel fast nicht zu erkennen, wenn man nicht genau weiß, wo man suchen muss. Deshalb habe ich allein für [O III] mehr als 30 Stunden gesammelt. Erst die tiefe Integration lässt die riesige blaugrüne Struktur stabil aus dem wesentlich helleren Sh-2-129-Hintergrund hervortreten.
Ein schwacher Ausfluss quer durch die „Fledermaus“
Sh 2-129 bildet in meinem Bild die großflächige rötliche Bühne. Corradi und Mitarbeiter identifizieren HR 8119 beziehungsweise HD 202214, einen frühen B0-V-Stern im Zentrum der Region, als Ionisationsquelle und übernehmen für Stern und Nebel rund 712 pc beziehungsweise 2.320 Lichtjahre. Genau in dieser H-II-Region liegt der erst 2011 von Nicolas Outters entdeckte Ou 4. Seine beiden langgestreckten [O III]-Lappen schneiden quer durch das Feld und besitzen eine völlig andere Oberflächenhelligkeit als das umgebende Hα-Signal.
Diese Überlagerung ist auf meiner HOO-Darstellung besonders anschaulich. Der große Sh-2-129-Komplex ist vergleichsweise flächig und kräftig, während Ou 4 nur als dünne, weit auseinandergezogene Struktur sichtbar wird. Beim Stretch musste ich deshalb verhindern, dass der Hintergrund schon unruhig wird, bevor die schwächsten Teile des Tintenfischs genügend Kontrast bekommen.
Die gemeinsame Entfernung ist plausibel, aber nicht endgültig bewiesen
Spektroskopie und Extinktion passen zu einem Zusammenhang zwischen Ou 4 und Sh 2-129. Unter dieser Annahme erreicht der bipolare Ausfluss eine projizierte Größe von etwa 14 × 2,5 pc – also ungefähr 46 × 8 Lichtjahre. Die Winkelgröße von Ou 4 ist dagegen direkt messbar und liegt bei rund 1,16 × 0,20 Grad. In den Referenzwerten unterscheide ich daher bewusst zwischen sicherer Winkelgröße und einer physischen Größe, die von der gemeinsamen Distanzannahme abhängt.
Auch die mögliche Verbindung zu HR 8119 bleibt wissenschaftlich interessanter als eine einfache Objektbezeichnung. Das massive Mehrfachsystem liegt nahe dem geometrischen Zentrum von Ou 4; die gemessenen Eigenschaften sind mit einem dort gestarteten großen Ausfluss vereinbar. Das macht HR 8119 zu einem konkreten Kandidaten für den Ursprung, ohne aus der Hypothese eine endgültig bewiesene Zuordnung zu machen.
Warum die lange [O III]-Integration im fertigen Bild entscheidend ist
Fotografisch verhält sich der Tintenfisch ganz anders als ein heller klassischer Emissionsnebel. Die schwachen Ränder würden bei zu aggressiver Rauschminderung als Erstes verschwinden, während eine zu starke lokale Kontrastverstärkung leicht Strukturen erzeugen könnte, die in den gestackten Daten nicht stabil vorhanden sind. Ich habe deshalb die beiden Lappen nur so weit hervorgearbeitet, wie sie sich über große Bildbereiche konsistent verfolgen lassen.
Gerade dadurch zeigt die Aufnahme zwei Ebenen gleichzeitig: den durch HR 8119 angeregten, flächigen Sh-2-129-Komplex und den extrem schwachen [O III]-Ausfluss Ou 4. Im Bild scheinen beide selbstverständlich zusammenzugehören; die Forschung lässt diese Verbindung plausibel erscheinen, hält aber bei Distanz und Ursprung noch eine wichtige Unsicherheit offen. Diese Spannung zwischen klarer fotografischer Überlagerung und vorsichtiger physikalischer Interpretation macht dieses Motiv für mich besonders reizvoll.
Die Lappenspitzen von Ou 4 sind echte Stoßfronten
Die Spektren an den beiden Enden des Tintenfischs zeigen eine stoßangeregte Gasstruktur. Im kinematischen Modell erreichen die Spitzen Geschwindigkeiten von ungefähr 112 km/s im südlichen und 83 km/s im nördlichen Lappen. Unter der Annahme, dass Ou 4 tatsächlich bei Sh 2-129 und HR 8119 liegt, ergibt sich für den gesamten Ausfluss eine kinetische Energie von rund 4 × 1047 erg. Für meine Aufnahme erklärt das die scharf gebogenen [O III]-Kappen: Sie markieren nicht einfach die äußersten sichtbaren Pixel, sondern die Bereiche, in denen der schnelle Ausfluss auf umgebendes Material trifft.
Aufnahmeplanung für Baden-Württemberg
Berechnung aus den Objektkoordinaten; berücksichtigt astronomische Dunkelheit und die Höhe über dem Horizont.
Aufnahme und Technik
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 04.10.2022 bis 30.10.2022 (15 Nächte)
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 50 h 40 min
- Belichtungsangaben
- 50 h 40 minHa: 151 × 300 s = 12 h 35 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus High GainOIII: 407 × 300 s = 33 h 55 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus High GainRGB: 15/17/18 × 300 s = 4 h 10 min, Gain 0, Offset 30, Kameramodus DSO
- Teleskop / Optik
- William Optics Gran Turismo GT71, 71/420 mm, reduziert auf 336 mm
- Kamera
- QHY268M PH
- Filter
- Antlia R; Antlia G; Antlia B; Antlia Ha 3 nm; Antlia OIII 3 nm
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight; BlurXTerminator; NoiseXTerminator; GHS
