IC 2177 – Möwennebel
Der Möwennebel wird manchmal auch Papageiennebel genannt. Bei einer SHO-Entwicklung wie meiner passt dieser Name für mich sogar besser: Die künstliche Farbzuordnung verändert die optische Wirkung der großen Nebelform deutlich und lässt mich eher einen farbigen Vogel als eine Möwe erkennen.
Mehr als 200 Lichtjahre Gas über mehrere Grad
IC 2177 gehört zu einem großflächigen H-II- und Sternentstehungskomplex an der Grenze von Einhorn und Großem Hund. Aktuelle NASA-Darstellungen setzen ihn auf ungefähr 3.800 Lichtjahre Entfernung und auf mehr als 200 Lichtjahre Ausdehnung; je nach verwendeter äußerer Grenze kommt WISE auf nahezu 240 Lichtjahre. Die frühere Angabe von nur 100 Lichtjahren war für den gesamten Komplex zu klein.
Auf meiner Weitfeldaufnahme wird diese Größe unmittelbar sichtbar: Der kompaktere Kopf ist deutlich heller, während die langen „Flügel“ als schwächere Emissionszüge weit durch das Feld laufen. Beim Stretch darf der Kopf deshalb nicht so stark betont werden, dass die großflächige Möwenform auseinanderfällt.
HD 53367 prägt den Kopfbereich
Im Kopfbereich liegt der junge massereiche Emissionslinienstern HD 53367. Er ist eine wichtige Energiequelle für die dortige H-II-Region. Die ausgedehnten Flügel gehören dagegen zu einem sehr viel größeren Gasgebiet; die verschiedenen Sh-, IC- und NGC-Bezeichnungen werden in der Literatur und selbst in NASA-Bildtexten nicht immer exakt gleich gegeneinander abgegrenzt.
Deshalb ordne ich Bezeichnungen wie Sh 2-292, Sh 2-296, Sh 2-297, Sh 2-293 und Sh 2-295 auf meiner Seite vorsichtig als Teilregionen ein, statt fragwürdige Eins-zu-eins-Aliasbeziehungen zu behaupten. Für das Bild ist die räumliche Lage der hellen und schwachen Bereiche wichtiger als eine erzwungene Namensgrenze.
Die Sternhaufen im Bild gehören nicht zu einer einzigen Altersstufe
Im großen Feld liegen unter anderem NGC 2335, NGC 2343, NGC 2345 und NGC 2353. Meine frühere gemeinsame Altersangabe von nur ein bis drei Millionen Jahren war falsch. Gaia-basierte und photometrische Arbeiten ergeben für die einzelnen Haufen vielmehr grob mehrere zehn bis über hundert Millionen Jahre. Sie müssen also nicht derselben Sternentstehungsepisode wie der sichtbare Nebel angehören.
Gerade bei 200 mm Brennweite liegt die Versuchung nahe, alles im Bild als einen einzigen zusammenhängenden Komplex zu betrachten. Die wissenschaftliche Einordnung zeigt jedoch mehrere Tiefen- und Altersstufen. Für mich macht das die Aufnahme interessanter: Die Vogelgestalt ist eine überzeugende zweidimensionale Komposition, aber nicht jedes darin stehende Sternhäufchen gehört physisch zum selben Ereignis.
Die unterschiedliche Helligkeit von Kopf und Flügeln hat einen realen räumlichen Bezug
Der kompaktere Kopfbereich um HD 53367 ist in meiner Aufnahme wesentlich kontrastreicher als die weit auslaufenden Emissionszüge. HD 53367 ist ein massereiches junges Mehrfachsystem und sitzt in einer lokal dichten Sternentstehungszone; der übrige IC-2177-Komplex zieht sich dagegen über mehrere Grad am Himmel. Dadurch treffen in einem Bild sehr verschiedene Oberflächenhelligkeiten und physische Skalen aufeinander.
Für die Bearbeitung ist das mehr als ein ästhetisches Problem. Wenn ich den Kopf so stark betone, dass dort jede kleine Struktur maximal kontrastreich erscheint, verlieren die langen schwachen Flügel ihre Verbindung. Bei der Weitfeldversion möchte ich deshalb gerade die Übergänge erhalten: vom kompakten hellen Bereich in die großflächigen, deutlich schwächeren Nebelzüge, die erst die komplette Vogelgestalt entstehen lassen.
Infrarotbilder trennen warmen Staub von der optischen H-II-Emission
WISE- und Spitzer-Aufnahmen zeigen beim Möwenkomplex eine andere Strukturgewichtung als mein SHO-Bild. Im Infrarot dominiert vielerorts erwärmter Staub, während meine Hα-, [O III]- und [S II]-Kanäle vor allem das ionisierte Gas betonen. Besonders im Kopf um HD 53367 hilft dieser Vergleich: Ein heller Bereich in meiner Aufnahme muss nicht dort liegen, wo auch der meiste Staub sitzt. Die große Vogelgestalt ist deshalb eine Überlagerung verschiedener physikalischer Komponenten und nicht die Kontur eines einzigen homogenen Nebelkörpers.
Aufnahmeplanung für Baden-Württemberg
Berechnung aus den Objektkoordinaten; berücksichtigt astronomische Dunkelheit und die Höhe über dem Horizont.
Aufnahme und Technik
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 22.01. bis 02.02.2024 (7 Nächte)
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 26 h 20 min
- Belichtungsangaben
- Hα: 84 × 300 s = 7 h 00 min;OIII: 123 × 300 s = 10 h 15 min;SII: 73 × 300 s = 6 h 05 min;RGB: je 30 × 120 s = zusammen 3 h 00 min
- Teleskop / Optik
- Askar 200 mm f/4 (2. Generation)
- Kamera
- QHY268M PH
- Filter
- Antlia Ha 3 nm; Antlia OIII 3 nm; Antlia SII 3 nm
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight; BlurXTerminator; NoiseXTerminator; GHS
