Bei dieser Aufnahme stand IC 405 selbst im Mittelpunkt. Mit 800 mm Brennweite ist das Feld deutlich enger als bei meiner späteren Weitfeldaufnahme, in der der Flammende Stern zusammen mit IC 410 und weiteren Fuhrmann-Objekten zu sehen ist. Gerade dieser Vergleich macht die ältere Aufnahme für mich weiterhin interessant.
Emission und Reflexion in derselben Wolke
IC 405 ist kein reiner Emissionsnebel. Der heiße Runaway-Stern AE Aurigae ionisiert einen Teil des Gases; zugleich wird sein blaues Licht an Staub gestreut. Dadurch treffen Emissions- und Reflexionsanteile in derselben Region zusammen. Für den Nebel werden traditionell etwa 1.500 Lichtjahre genannt, während Gaia den Stern AE Aur selbst näher einordnet – diese beiden Angaben werden deshalb nicht künstlich zu einer scheinbar exakten gemeinsamen Distanz vermischt.
Später noch einmal mit kleinerer Brennweite
Einige Jahre nach dieser RGB-Aufnahme habe ich IC 405 noch einmal mit kleinerer Brennweite aufgenommen, um die Region vollständiger und zusammen mit dem Kaulquappennebel IC 410 abzubilden. Die spätere Fassung entstand mit Hα, SII und OIII und wurde als SHO-Bild entwickelt. Für mich zeigen beide Bilder gut, wie stark Brennweite und Darstellungsart die Wirkung desselben Objekts verändern.
AE Aurigae ist ein durchreisender O-Stern
Der Flammensternnebel wird von AE Aur beleuchtet und teilweise ionisiert. Das Besondere ist, dass dieser O-Stern wahrscheinlich nicht in IC 405 entstanden ist. Seine hohe Raumgeschwindigkeit lässt sich auf eine dynamische Begegnung im Oriongebiet zurückverfolgen; AE Aur ist ein klassischer Runaway-Stern. Heute bewegt er sich durch beziehungsweise vor Material des IC-405-Komplexes und erzeugt dadurch die auffälligen Reflexions- und Emissionsstrukturen.
In meiner Aufnahme sitzt der helle blaue Stern unmittelbar in der strukturierten Nebelzone. Die blauen Reflexionsanteile nahe AE Aur reagieren in einer Farbdarstellung ganz anders als das rote Hα-Gas. Genau diese Mischung macht IC 405 fotografisch reizvoller als eine reine H-II-Fläche.
Die Gaia-Distanz erklärt einen alten Widerspruch
Für AE Aur ergibt moderne Astrometrie ungefähr 389 pc. Ältere Literaturwerte für den Nebel liegen oft näher bei 1.500 Lichtjahren. Das muss nicht bedeuten, dass eine Zahl schlicht „falsch“ ist: diffuse Wolken besitzen Tiefe, und historische Distanzmethoden waren deutlich ungenauer. Weil der Stern direkt mit dem sichtbaren Nebel interagiert, ist seine Gaia-Distanz heute ein wichtiger Anker. Diese Differenz ist wichtig, weil die genaue räumliche Zuordnung von AE Aur und dem leuchtenden Material nicht mit einer einzigen scheinpräzisen Zahl beschrieben werden kann.
AE Aur selbst ist in meinem Bild sehr auffällig und erzeugt einen hellen Sternhalo. Bei der Bearbeitung musste ich darauf achten, diesen Halo nicht mit dem schwachen blauen Reflexionsanteil des Nebels zu verwechseln. Die beiden Effekte überlagern sich räumlich, entstehen aber völlig unterschiedlich: einmal in meiner Optik beziehungsweise durch die Sternhelligkeit, einmal durch tatsächlich gestreutes Licht an interstellarem Staub.
AE Aurigae ist nur auf der Durchreise durch die Wolke
Gaia-basierte Bahnrekonstruktionen bestätigen den Runaway-Charakter von AE Aurigae. Der O-Stern ist nicht gemeinsam mit der heutigen Staubwolke von IC 405 entstanden, sondern bewegt sich mit hoher Raumgeschwindigkeit durch diese Region. Für mein Bild erklärt das, warum ein einzelner heller Stern so eng mit einer auffälligen Reflexions- und Emissionsstruktur verbunden sein kann, ohne dass Stern und Wolke dieselbe Entstehungsgeschichte teilen. Gerade diese zufällige Begegnung macht den Flammenden Sternnebel astrophysikalisch ungewöhnlich.
Aufnahme und Technik
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 06./11.02.2022
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 9 h 25 min
- Belichtungsangaben
- 113 × 300 s RGB
- Teleskop / Optik
- Lacerta Newton 8″ f/4, 800 mm
- Kamera
- QHY268C
- Filter
- Optolong L-eXtreme; UV/IR-Cut
- Korrektor / Reducer
- GPU 2″ Komakorrektor
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight; BlurXTerminator; NoiseXTerminator; StarXTerminator; GHS