Auf den ersten Blick wirkt dieses große Fuhrmann-Feld wie eine einzige zusammenhängende Nebellandschaft. Tatsächlich liegen links IC 405, weiter zur Mitte IC 410, rechts IC 417 und NGC 1931; zusätzlich stehen M36 und M38 im Bild. Gerade diese Überlagerung verschiedener Entfernungen und Altersstufen macht die Aufnahme für mich interessanter als ein enger Ausschnitt auf nur einen Nebel.
IC 405: AE Aurigae steht unmittelbar in der Geschichte des Nebels
Links prägt AE Aurigae den Flammensternnebel IC 405. Der Runaway-Stern vom Typ O9.5 V liefert energiereiche Strahlung und beleuchtet zugleich Staub in seiner Umgebung. Gaia setzt AE Aur auf 389 ± 5 pc. Das ist näher als manche traditionelle Distanzangabe für die gesamte sichtbare Nebelregion. Deshalb unterscheide ich die gut gemessene Sternparallaxe ausdrücklich von einer pauschalen „Nebeldistanz“.
In meinem Bild fällt IC 405 durch die Kombination aus heller Emission und weicheren Reflexionsanteilen auf. Die Lage von AE Aur innerhalb dieser Struktur lässt sich direkt mit einem konkreten Stern verbinden, der sich mit hoher Raumgeschwindigkeit durch seine Umgebung bewegt.
IC 410: NGC 1893 prägt die Kaulquappenregion
IC 410 bildet im großen Fuhrmannfeld eine eigene, deutlich weiter entfernte Schicht. Der junge Haufen NGC 1893 sitzt in der Nebelregion und seine massereichen Sterne prägen das lokale Strahlungsfeld. Sim 129 und Sim 130 nutze ich in dieser Aufnahme vor allem als Orientierungspunkte: Ihre beiden kleinen Köpfe verraten im Weitfeld, wo innerhalb der viel größeren IC-410-Fläche die bekannten „Kaulquappen“ liegen. Die Detailphysik dieser Wolkenreste steht hier bewusst nicht im Vordergrund; dafür ist die separate IC-410-Aufnahme wesentlich geeigneter.
Für NGC 1893 ergeben Untersuchungen eine Entfernung in der Größenordnung von 3,5 kpc und ein Alter von ungefähr 1,5 bis 2 Millionen Jahren. Damit sehe ich in derselben Aufnahme einen jungen, weit entfernten Komplex neben dem wesentlich näheren Gebiet um AE Aurigae.
IC 417 und Stock 8 bilden eine dritte Ebene
Rechts im Feld liegt IC 417 mit dem jungen Sternhaufen Stock 8. Photometrische Untersuchungen setzen Stock 8 auf etwa 2,05 ± 0,10 kpc und auf höchstens ungefähr zwei Millionen Jahre. Im IC-417-Gebiet werden unter anderem HD 35633 und BD +34° 1058 als wichtige massereiche Sterne diskutiert. NGC 1931 bildet daneben einen weiteren kompakten Nebel-/Clusterknoten.
Gerade im fertigen Bild ist diese Tiefenstaffelung unsichtbar: IC 405, IC 410 und IC 417 scheinen fast ineinander überzugehen. Die Referenzwerte machen deutlich, dass das fotografische Nebelfeld in Wirklichkeit mehrere voneinander unabhängige Systeme entlang derselben Sichtlinie enthält.
M36 und M38 gehören auch zeitlich nicht zu derselben Generation
Zusätzlich stehen M36 und M38 im Feld. Auch diese beiden offenen Haufen sind kein einheitliches Paar: M36 ist nur einige zehn Millionen Jahre alt, während für M38 etwa 330 Millionen Jahre angegeben werden. Auf meiner Aufnahme sehen sie zunächst einfach wie zwei Sternverdichtungen zwischen den Nebeln aus; wissenschaftlich repräsentieren sie jedoch eine ganz andere Entwicklungsstufe als die eingebetteten jungen Populationen in IC 410 und IC 417.
Damit zeigt diese eine Weitfeldaufnahme nicht „den Fuhrmannnebel“, sondern mehrere Schichten der Milchstraße. Genau dieser Zusammenhang ist für mich der eigentliche Reiz des großen Bildfeldes: Sterne und Nebel können am Himmel nahtlos nebeneinander liegen, obwohl zwischen ihnen Tausende Lichtjahre und Hunderte Millionen Jahre Altersunterschied liegen.
Ein Grad am Himmel bedeutet hier sehr unterschiedliche reale Größen
Die große Tiefe des Feldes lässt sich auch geometrisch greifen. Ein Winkel von einem Grad entspricht bei AE Aurigae in rund 389 pc Entfernung nur etwa 6,8 pc, bei NGC 1893 in ungefähr 3,5 kpc dagegen schon gut 61 pc. Strukturen, die auf meiner Weitfeldaufnahme ähnlich groß aussehen, können physisch also fast um eine Größenordnung verschieden sein. Genau deshalb möchte ich die einzelnen Nebel und Haufen nicht zu einer scheinbar zusammenhängenden „Fuhrmann-Region“ verschmelzen.
Aufnahme und Technik
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 25.12.2024 bis 18.02.2025 (11 Nächte)
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 24 h 35 min
- Belichtungsangaben
- 24 h 35 minHa: 93 × 300 s = 7 h 45 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus High GainOIII: 1 20 × 300 s = 10 h Gain 56, Offset 30, Kameramodus High GainSII: 82 × 300 s = 6 h 50 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus High Gain
- Teleskop / Optik
- Askar 200 mm f/4 (2. Generation)
- Kamera
- QHY268M PH
- Filter
- Antlia Ha 3 nm; Antlia OIII 3 nm; Antlia SII 3 nm
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight; BlurXTerminator; NoiseXTerminator; SPCC; GHS