IC 410 – Kaulquappennebel
Vom Kaulquappennebel habe ich zwei Bildfassungen erhalten: eine RGB-Entwicklung und eine HOO-Version, die ich bewusst in Richtung einer SHO-/Hubble-Farbwirkung entwickelt habe. Für mich ist gerade der direkte Vergleich interessant, weil in beiden Bildern dieselben Strukturen stecken, sie aber völlig unterschiedlich gewichtet erscheinen.
Die Kaulquappen heißen Sim 129 und Sim 130
IC 410 ist die H-II-Region W8 um den sehr jungen offenen Sternhaufen NGC 1893. Die Region liegt ungefähr 3,5 kpc beziehungsweise rund 11.400 Lichtjahre entfernt. Mehrere heiße O-Sterne ionisieren das Gas und prägen mit ihrer Strahlung und ihren Sternwinden die Umgebung. Die beiden auffälligen, langgezogenen Strukturen, denen der Nebel seinen Namen verdankt, werden als Sim 129 und Sim 130 geführt.
Zwei Darstellungen derselben Aufnahmeserie
In der RGB-Fassung stehen Sternfarben und die natürlichere Farbbalance des Feldes stärker im Vordergrund. Die HOO-Entwicklung trennt dagegen die Emissionsanteile deutlicher und lässt die geformten Gasstrukturen kontrastreicher hervortreten. Darum zeige ich beide Bearbeitungen weiterhin nebeneinander; keine von ihnen ist die ‚eigentliche‘ Version des Motivs.
NGC 1893 liefert die O-Sterne für IC 410
Im Inneren von IC 410 liegt der junge offene Sternhaufen NGC 1893. Mehrere seiner massereichen O-Sterne erzeugen das ionisierende Strahlungsfeld und die Winde, die den Nebel strukturieren. Die Region liegt mit ungefähr 3,5 ± 0,3 kpc deutlich weiter entfernt als viele scheinbar benachbarte Fuhrmann-Objekte. Dadurch entsprechen selbst kleine Strukturen im Bild mehreren Lichtjahren.
In meiner Aufnahme sind die beiden „Kaulquappen“ Sim 129 und Sim 130 besonders markant. Ihre dichten Köpfe liegen in Richtung der Haufenstrahlung, während die länglichen Schweife in die entgegengesetzte Richtung weisen. Die Form macht den Einfluss des Strahlungsfeldes direkt im Bild ablesbar.
Die Tadpoles sind keine kleinen planetarischen Objekte
Die beiden dunklen/hell gerandeten Strukturen sind große molekulare Wolkenreste. Infrarotbeobachtungen zeigen darin junge stellare Objekte. Die hellen Ränder werden von außen bestrahlt und komprimiert; im Inneren kann dichtes Material noch vor der UV-Strahlung abgeschirmt bleiben. Für mich ist diese Kombination aus sichtbarer Oberfläche und verborgenem Inneren der wissenschaftlich interessanteste Aspekt von IC 410.
Bei den Kaulquappen nutze ich die farbige Schmalbandentwicklung gezielt für die Grenzflächen um Sim 129 und Sim 130. Dort wechseln helle Ränder, dunkle Köpfe und schwächere Nebelanteile auf engem Raum; die Kanalgewichtung macht diese Übergänge leichter vergleichbar als die RGB-Fassung. Entscheidend ist für mich deshalb nicht ein möglichst spektakulärer Farbton, sondern ob dieselben geformten Kanten in den zugrunde liegenden Emissionsdaten stabil nachvollziehbar bleiben.
Die beiden Kaulquappen sind im Gesamtbild nur ein kleiner Teil von IC 410. Wenn ich in die Aufnahme hineinzoome, werden ihre hell gerandeten Köpfe und die längeren Schweife aber zu klaren Orientierungspunkten. Für mich ist das ein gutes Beispiel dafür, wie ein großflächiger Nebel erst bei genauerem Hinsehen einzelne physikalisch untersuchbare Teilstrukturen preisgibt.
Bei Sim 129 und Sim 130 findet man tatsächlich eine räumliche Altersstruktur
Untersuchungen der jungen Sterne um NGC 1893 zeigen, dass die Population nahe den Kaulquappen nicht einfach zufällig verteilt ist. Die Lage jüngerer Quellen entlang der von den O-Sternen bestrahlten Wolkenränder wird als Hinweis diskutiert, dass das Feedback des Haufens dort weitere Sternentstehung beeinflusst hat. In meiner SHO-Aufnahme sind Sim 129 und Sim 130 deshalb mehr als zwei dekorative dunkle Köpfe: Ihre zum Haufen gerichteten hellen Ränder markieren genau die Grenzzone, an der diese Wechselwirkung untersucht wird.
Aufnahmeplanung für Baden-Württemberg
Berechnung aus den Objektkoordinaten; berücksichtigt astronomische Dunkelheit und die Höhe über dem Horizont.
Aufnahme und Technik
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 21.11.2020, 25.11.2020, 26.11.2020
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 16 h 10 min
- Belichtungsangaben
- RGB-/HOO-Aufnahme; Gesamtbelichtungszeit 16 h 10 min
- Teleskop / Optik
- Omegon Newton Astrograph 8″ f/4, 800 mm
- Kamera
- QHY268C
- Filter
- Optolong L-eXtreme; UV/IR-Cut
- Korrektor / Reducer
- GPU 2″ Komakorrektor
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight; BlurXTerminator; NoiseXTerminator; SPCC; GHS

