IC 443 – Quallennebel
Der Quallennebel ist kein gleichmäßig expandierender Ring. In meiner Hα-/OIII-Aufnahme zeigt sich stattdessen ein unregelmäßiges Netz aus hellen Filamenten und schwächeren Ausläufern – genau diese tentakelartige Struktur erklärt den Namen.
Die Stoßfront trifft heute auf sehr unterschiedliches Material
IC 443 ist der Supernovaüberrest G189.1+3.0 im Sternbild Zwillinge. Seine auffälligsten optischen Filamente liegen dort, wo die Stoßfront auf unterschiedlich dichtes interstellares und molekulares Gas trifft. In dichten Bereichen wird der Stoß stark abgebremst; in dünnerem Gas läuft er schneller und erzeugt andere optische, infrarote und Röntgenstrukturen. Deshalb hat der Quallennebel keine gleichmäßig helle Schale.
In meiner Aufnahme lässt sich diese Ungleichmäßigkeit besonders an den hellen, faserigen Bögen gegenüber den wesentlich diffuseren Bereichen erkennen. Hα und [O III] reagieren nicht überall gleich stark. Die besonders dünn wirkenden Fäden markieren dabei schmale leuchtende Kühlzonen und werden zusätzlich durch die Blickgeometrie betont.
Ein Neutronenstern liegt nicht im geometrischen Zentrum
Mit CXOU J061705.3+222127 befindet sich im Gebiet eine kompakte Röntgenquelle mit kometenförmigem Pulsarwindnebel. Sie gilt als wahrscheinlicher Neutronenstern, der mit IC 443 verbunden ist. Seine Position liegt südlich des geometrischen Zentrums der optischen Schale. Bei einem Überrest, der in eine so stark asymmetrische Umgebung expandiert, ist ein einfacher Mittelpunkt ohnehin nur eine grobe geometrische Orientierung.
Entfernung und Alter bleiben sinnvollerweise Bereiche
Für IC 443 werden Entfernungen ungefähr zwischen 1,5 und 1,9 kpc diskutiert, also grob 5.000 bis 6.200 Lichtjahre. Auch das Alter hängt stark vom Modell und von der betrachteten Region ab; in der Literatur reichen Schätzungen von wenigen tausend bis zu einigen zehntausend Jahren. Deshalb verwende ich hier bewusst keine scheinpräzise Einzelzahl.
OH-Maser markieren die Molekülwolken-Kollision unabhängig vom Bild
Besonders überzeugend ist die Wechselwirkung mit dichtem Molekülgas, weil sie nicht nur aus der optischen Form erschlossen wird. In Teilen von IC 443 wurde OH-Maseremission bei 1720 MHz nachgewiesen; sie fällt räumlich mit geschockten Molekülklumpen und H2-Emission zusammen. Solche Maser sind ein sehr spezieller Hinweis auf die Bedingungen an einer Stoßfront in einer Molekülwolke. Für meine Hα-/OIII-Aufnahme bedeutet das: Die unregelmäßigen hellen Bögen besitzen eine unabhängig gemessene physikalische Ursache und sind nicht bloß eine schöne filamentartige Projektion.
Die Winkelausdehnung von ungefähr 45 Bogenminuten ist dagegen direkt beobachtbar und wesentlich robuster. Für meine Aufnahme ist ohnehin die heutige Wechselwirkung der Stoßfront mit den Molekülwolken die interessantere Geschichte: Sie erklärt unmittelbar, warum die „Qualle“ aus so unterschiedlich hellen Filamenten und Bögen besteht.
45 Bogenminuten machen die „Qualle“ größer als den Vollmond
Mit rund 45 Bogenminuten Winkelausdehnung überspannt IC 443 etwa das Anderthalbfache des scheinbaren Monddurchmessers. Diese Zahl hilft mir bei der Aufnahme stärker als eine unsichere physische Größe: Sie erklärt unmittelbar, warum die hellen Filamente über einen so großen Teil des Bildfelds verteilt sind und weshalb es keinen einzelnen kompakten „Kern“ gibt, auf den die Bearbeitung ausgerichtet werden könnte.
Auch die OH-Maser treten nur in ausgewählten Stoßzonen auf und nicht gleichmäßig über die gesamte Schale. Das passt zur Bildwirkung: Einige Bögen sind extrem markant, während andere Bereiche fast im Hintergrund verschwinden. Für mich ist diese ungleiche Verteilung gerade der Charakter von IC 443; ich möchte sie nicht durch eine zu gleichmäßige lokale Kontrastanhebung künstlich nivellieren.
Aufnahmeplanung für Baden-Württemberg
Berechnung aus den Objektkoordinaten; berücksichtigt astronomische Dunkelheit und die Höhe über dem Horizont.
Aufnahme und Technik
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 22./23./24./25./26.03.2022
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 13 h 25 min
- Belichtungsangaben
- 13 h 25 minHa: 59 × 300 s, Gain 56, Offset 30, HG ModeOIII: 60 × 300 s, Gain 56, Offset 30, HG ModeRGB: je 14 × 300 s, Gain 0, Offset 30, DSO Mode
- Teleskop / Optik
- Lacerta Newton 8″ f/4, 800 mm
- Kamera
- QHY268M PH
- Filter
- Antlia R; Antlia G; Antlia B; Antlia Ha 3 nm; Antlia OIII 3 nm
- Korrektor / Reducer
- GPU 2″ Komakorrektor
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight; BlurXTerminator; NoiseXTerminator
