NGC 3718 – Balken-Spiralgalaxie
Die Form von NGC 3718 hat mich sofort begeistert. Eigentlich ist die Galaxie für meinen damaligen 800-mm-Newton recht klein, trotzdem wollte ich sie unbedingt aufnehmen. Deshalb habe ich über viele Nächte möglichst viel Signal gesammelt und das Ergebnis anschließend deutlich gecroppt. Natürlich ersetzt Belichtungszeit keine Brennweite – aber sie half mir, aus dem vorhandenen Bildmaßstab mehr von den schwachen Strukturen herauszuarbeiten. Für mich hat sich der Aufwand gelohnt.
Warum diese Galaxie so verdreht aussieht
NGC 3718 ist keine gewöhnlich von uns gesehene Balkenspirale. Eine aktuelle Untersuchung aus dem Jahr 2025 behandelt sie als ein besonders interessantes System auf dem Entwicklungsweg zu einer Polar-Ring-Galaxie. Das innere Gas umläuft die stellare Scheibe nahezu polar, während weiter außen stark verkippte und verbogene Gasstrukturen auftreten. Die markante Staubbahn vor dem Zentrum folgt dieser extrem verwundenen Geometrie. Die Entstehung ist noch nicht auf eine einzige Ursache festgelegt: In der Fachliteratur werden Akkretion, frühere Verschmelzungen und Wechselwirkungen mit Begleitern diskutiert. Genau deshalb möchte ich den früheren Satz, NGC 3729 sei eindeutig „die“ Ursache der Verformung, nicht mehr so absolut stehen lassen.
Die 2025er Arbeit setzt NGC 3718 auf etwa 18,7 Megaparsec, also rund 61 Millionen Lichtjahre. Sie findet außerdem einen großen Anteil der jungen Sternentstehungsregionen in der ring- beziehungsweise warp-artigen Außenstruktur. Die sonderbare Form ist damit nicht bloß eine perspektivische Kuriosität, sondern Ausdruck einer dynamisch gestörten Gas- und Sternscheibe.
Drei sehr unterschiedliche Entfernungen in einem Bild
Oberhalb von NGC 3718 ist NGC 3729 zu sehen, ein möglicher Wechselwirkungspartner im gleichen galaktischen Umfeld. Links beziehungsweise unterhalb der Hauptgalaxie liegt außerdem Hickson 56, eine kompakte Gruppe aus fünf deutlich weiter entfernten Galaxien, von denen mehrere miteinander wechselwirken. Gerade dieser Teil des Bildes fasziniert mich bis heute: Obwohl Hickson 56 mehrere hundert Millionen Lichtjahre entfernt ist, lässt sich die Gruppe mit Amateurtechnik noch als Ansammlung einzelner Galaxien erkennen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie weit wir mit solchen Teleskopen tatsächlich blicken können.
Eine gewundene Scheibe, die ihre Ebene wechselt
NGC 3718 sieht in meiner Aufnahme fast aus, als sei die Galaxie geknickt. Radio- und optische Untersuchungen zeigen tatsächlich eine stark verwundene Gas- und Staubscheibe. In den äußeren Bereichen liegt die Scheibe anders orientiert als weiter innen; das Gas nähert sich im Zentrum sogar einer polaren Konfiguration. Dadurch schneiden dunkle Staubbänder scheinbar quer durch den helleren galaktischen Körper.
Bei langer Brennweite fällt diese S-förmige Verzerrung viel stärker auf als in einem Weitfeld. Genau diese ungewöhnliche Geometrie war für mich der Reiz des Motivs. NGC 3718 wird als Arp 214 auch im Atlas of Peculiar Galaxies geführt – hier passt die Bezeichnung „peculiar“ wirklich unmittelbar zum Bild.
NGC 3729 und Hickson 56 liegen nicht in derselben Tiefe
Die nahe gelegene NGC 3729 ist ein physischer Begleiter und dürfte an der Verformung von NGC 3718 beteiligt sein. Die kompakte Galaxiengruppe Hickson 56, die im selben Feld sichtbar ist, liegt dagegen wesentlich weiter im Hintergrund. Ihre scheinbare Nähe ist Projektion. In meinem Bild lässt sich deshalb innerhalb weniger Bogenminuten eine enorme Tiefenstaffelung erkennen: ein wechselwirkendes Paar in etwa 50 Millionen Lichtjahren Entfernung und dahinter eine viel fernere kompakte Gruppe.
Aufnahmeplanung für Baden-Württemberg
Berechnung aus den Objektkoordinaten; berücksichtigt astronomische Dunkelheit und die Höhe über dem Horizont.
Aufnahme und Technik
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 14.04. bis 26.05.2023 (insgesamt 8 Nächte)
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 25 h 28 min
- Belichtungsangaben
- 25 h 28 minR: 125 × 120 s = 5 h 28 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus HGG: 155 × 120 s = 5 h 10 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus HGB: 169 × 120 s = 5 h 38 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus HGL: 288 × 120/102 s = 9 h 12 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus HG
- Teleskop / Optik
- Lacerta Newton 8″ f/4, 800 mm
- Kamera
- QHY268M PH
- Filter
- Antlia L; Antlia R; Antlia G; Antlia B
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight; BlurXTerminator; NoiseXTerminator; SPCC; GHS
