NGC 4438 – The Eyes Galaxies
Bei der Suche nach einer ungewöhnlich wirkenden Galaxie bin ich bei NGC 4438 und NGC 4435 – den „Eyes Galaxies“ – hängen geblieben. Vor allem die deformierte Form von NGC 4438 vermittelt für mich unmittelbar Dynamik. Zusammen mit NGC 4461 und NGC 4458 rechts oben war das die gewünschte Komposition für meine erste Aufnahme mit dem C925 EdgeHD mit der vollen Brennweite von 2.350 mm.
NGC 4438 trägt die Spuren mehrerer Einflüsse
NGC 4438 liegt im Virgo-Galaxienhaufen in einer Größenordnung von rund 50 Millionen Lichtjahren Entfernung. Ihre Sternscheibe ist verzogen, das Gas noch wesentlich stärker gestört. Die naheliegende Erklärung, allein die scheinbare Nachbarin NGC 4435 habe diese Form verursacht, ist heute zu einfach. Modelle berücksichtigen eine frühere enge Begegnung mit NGC 4435 und zusätzlich den Staudruck des heißen Virgo-Haufengases; tiefe Hα-Beobachtungen liefern darüber hinaus starke Hinweise auf eine Hochgeschwindigkeitsbegegnung mit M86.
Für meine Aufnahme ist gerade diese Mehrdeutigkeit interessant. NGC 4435 erscheint kompakt und vergleichsweise ruhig, während NGC 4438 deutlich auseinandergezogen wirkt. Im langen Brennweitenfeld fällt diese Asymmetrie sofort auf, noch bevor man die physikalische Geschichte kennt.
Eine Hα-Brücke weist in Richtung M86
Kenney und Mitarbeiter fanden einen ausgedehnten Hα-Komplex zwischen NGC 4438 und M86. Das ionisierte Gas stützt ein Szenario, in dem NGC 4438 bei hoher Relativgeschwindigkeit durch die Umgebung von M86 gelaufen ist. Gleichzeitig bewegt sich die Galaxie durch das heiße Gas des Virgo-Haufens. Sterne, Gas und Staub reagieren auf diese Prozesse unterschiedlich – deshalb ist die sichtbare Verzerrung kein sauberer einzelner Gezeitenbogen.
Diese physikalische Unordnung passt sehr gut zu dem, was mich ursprünglich an NGC 4438 gereizt hat. Die Galaxie wirkt im Bild nicht „perfekt“, sondern gerade wegen der versetzten, ausgefransten Strukturen lebendig. NGC 4435 daneben verstärkt diesen Eindruck, weil beide als berühmtes Augenpaar eng beieinander stehen und dennoch sehr unterschiedliche Morphologien zeigen.
Volle C925-Brennweite machte auch die Schwächen der Daten sichtbar
Für f/10 und 17,5 Stunden Belichtungszeit bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Die Bearbeitung war allerdings extrem schwierig. Wegen der wenigen geeigneten Sterne bereitete schon das Stacking Probleme, und die Flats beseitigten vorhandene Staubdonuts nur unzureichend. Diese Schwierigkeiten gehören für mich zu der Aufnahme, weil sie mein erster ernsthafter Versuch mit 2.350 mm Brennweite war.
Rechts oben ergänzen NGC 4461 und NGC 4458 die Szene. Dadurch wird das Bild nicht nur zum Porträt zweier Galaxien, sondern zu einem kleinen Ausschnitt der Markarjanschen Kette im Virgo-Haufen. Die lange Brennweite zeigt die Formen detailliert, lässt aber gleichzeitig erkennen, wie dicht verschiedene Galaxien in diesem Himmelsgebiet projiziert sind.
Auch historisch wurden beide „Augen“ gemeinsam gefunden
William Herschel entdeckte NGC 4435 und NGC 4438 am 8. April 1784. Heute ist das Paar als „The Eyes“ beziehungsweise Arp 120 bekannt. Für die moderne Interpretation ist aber gerade wichtig, die hübsche Paarbezeichnung nicht mit einer simplen Zweikörpergeschichte gleichzusetzen: Die auffällige NGC 4438 ist Teil einer viel größeren dynamischen Umgebung im Virgo-Haufen.
Die Hα-Brücke fällt mit weichem Röntgengas zusammen
XMM-Newton-Beobachtungen ergänzen die optische Kollisionsspur zwischen NGC 4438 und M86. Entlang der Hα-Filamente liegt ungewöhnlich kühles Röntgengas von ungefähr 0,6 keV, räumlich deutlich von dem heißeren Gas um M86 unterscheidbar. Gleichzeitig zeigen UV-Daten dort keine entsprechend kräftige junge Sternpopulation. Das unterstützt die Interpretation, dass ein erheblicher Teil des leuchtenden Gases aus NGC 4438 herausgerissen und anschließend durch Kollision, Staudruck oder Wärmeleitung angeregt wurde – nicht, dass die lange Filamentstruktur einfach eine Kette neuer Sternentstehungsgebiete ist.
Aufnahmeplanung für Baden-Württemberg
Berechnung aus den Objektkoordinaten; berücksichtigt astronomische Dunkelheit und die Höhe über dem Horizont.
Aufnahme und Technik
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 11.04. bis 01.05.2024 (insgesamt 6 Nächte)
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 16 h 28 min
- Belichtungsangaben
- R: 108 × 120 s = 3 h 36 min;G: 108 × 120 s = 3 h 36 min;B: 90 × 120 s = 3 h 00 min;L: 188 × 120 s = 6 h 16 min
- Teleskop / Optik
- Celestron EdgeHD 9,25″, 2.350 mm f/10
- Kamera
- QHY268M PH
- Filter
- Antlia L; Antlia R; Antlia G; Antlia B
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight; BlurXTerminator; NoiseXTerminator; SPCC; GHS
