Sh 2-114 – Fliegender Drache
Sh 2-114 ist für mich eine Aufnahme, bei der das Bildfeld fast wichtiger wurde als das namensgebende Objekt. In der Regel wird der „Fliegende Drache“ mit deutlich längerer Brennweite gezeigt. Ich hatte damals aber gerade meinen Askar mit 200 mm Brennweite auf der Montierung und suchte für die spätere Nacht noch ein weiteres Ziel. Dadurch ist Sh 2-114 in meiner Aufnahme relativ klein und sitzt rechts oben. Dafür rückte eine viel größere, sehr schwache Nebellandschaft ins Zentrum – genau dieser ungeplante Maßstab macht das Bild heute für mich interessant.
Der Drache ist nur ein kleiner Teil des aufgenommenen Feldes
SIMBAD führt Sh 2-114 als H-II-Region und nennt als weitere Bezeichnungen LBN 084.24-07.79 beziehungsweise LBN 347. Der Sharpless-Katalog von 1959 erfasst die Region als Sh 2-114; die katalogisierte Winkelausdehnung liegt nur in der Größenordnung von neun Bogenminuten. In meinem 200-mm-Feld fallen jedoch weit darüber hinaus schwache Bögen und diffuse Emission auf. Deshalb sollte man die kleine Kataloggröße nicht mit der gesamten in der Aufnahme sichtbaren Hα-Landschaft gleichsetzen.
Gerade bei diesem Objekt ist die wissenschaftliche Quellenlage auffällig dünn. SIMBAD verzeichnet nur wenige bibliographische Referenzen, und aus den von mir verwendeten belastbaren Quellen lässt sich weder eine moderne präzise Entfernung noch eine eindeutig benannte dominierende Ionisationsquelle ableiten. Ich lasse solche Angaben deshalb bewusst offen, statt eine häufig wiederholte, aber nicht ausreichend abgesicherte Zahl oder Sternzuordnung zu übernehmen.
22 Stunden OIII bedeuteten noch lange kein kräftiges OIII-Signal
Die Aufnahme entstand zwischen dem 16. September und dem 2. Oktober 2023 in elf Nächten. Insgesamt kamen 48 Stunden und 2 Minuten zusammen: 10 h 55 min Hα, 22 h 45 min [O III], 10 h 30 min [S II] sowie knapp vier Stunden RGB für die Sterne. Ausgerechnet der mit Abstand längste Schmalbandkanal blieb der schwierigste. In [O III] war nur wenig Nebelsignal vorhanden; zusätzlich entstand ungefähr die Hälfte dieser Daten bei nahezu vollem Mond.
Die Entwicklung als SHO-Bild war deshalb ein Wagnis. Ich wollte die drei Linien nicht einfach so stark gegeneinander verbiegen, dass überall scheinbar gleich viel Struktur entsteht. Das schwache OIII gehört vielmehr zur Charakteristik dieser konkreten Aufnahme. Die Hα-Strukturen tragen den größten Teil der feinen Nebelformen, während SII und OIII vor allem die Farbdifferenzierung beeinflussen.
Die kurze Brennweite verändert die Geschichte des Motivs
Mit 800 oder 1000 mm würde Sh 2-114 selbst wesentlich dominanter erscheinen. Bei 200 mm wird dagegen sichtbar, wie wenig die populäre Bezeichnung „Fliegender Drache“ über den Rest des Feldes sagt. Die unregelmäßigen Emissionszüge laufen über einen großen Teil der Aufnahme und ergeben keine kompakte, klar begrenzte Form. Gerade dieses Weitfeld zeigt mir, wie schnell ein Objektname nur noch als Orientierungspunkt für einen viel größeren Emissionskomplex dient.
Genau deshalb habe ich den Drachen nicht nachträglich stärker herausgestellt. Er bleibt rechts oben, und die Umgebung darf optisch gleichberechtigt wirken. Das Bild zeigt damit nicht einfach eine kleinere Version einer klassischen Sh-2-114-Aufnahme, sondern eine andere Bildidee: weniger „Porträt“ eines einzelnen Nebels, mehr Kartierung einer schwachen Region im Schwan.
Nicht jedes schwierige Projekt wird automatisch zum Lieblingsbild
Trotz der langen Gesamtbelichtungszeit gehört diese Aufnahme nicht zu meinen persönlichen Lieblingsbildern. Das liegt nicht daran, dass das Projekt technisch misslungen wäre. Im Gegenteil: Gerade die enorme OIII-Zeit zeigt, wie viel Aufwand nötig war, um überhaupt eine ausgewogene SHO-Fassung zu erreichen. Aber ein wissenschaftlich und technisch interessantes Ergebnis muss für mich nicht automatisch auch ästhetisch zu den stärksten Bildern gehören.
Heute sehe ich Sh 2-114 deshalb vor allem als Dokument eines Experiments mit Maßstab, Filterwahl und Ausdauer. Der kleine Drache rechts oben, die weitläufige schwache Umgebung und der ungewöhnlich aufwendige OIII-Kanal erzählen gemeinsam mehr über diese Aufnahme als eine einzelne, scheinbar präzise Entfernung, die die derzeitige Quellenlage nicht zuverlässig hergibt.
Aufnahmeplanung für Baden-Württemberg
Berechnung aus den Objektkoordinaten; berücksichtigt astronomische Dunkelheit und die Höhe über dem Horizont.
Aufnahme und Technik
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 16.09. bis 02.10.2023 (11 Nächte)
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 48 h 02 min
- Belichtungsangaben
- Hα: 131 × 300 s = 10 h 55 min;OIII: 273 × 300 s = 22 h 45 min;SII: 126 × 300 s = 10 h 30 min; RGB gesamt: 3 h 52 min
- Teleskop / Optik
- Askar 200 mm f/4 (2. Generation)
- Kamera
- QHY268M PH
- Filter
- Antlia Ha 3 nm; Antlia OIII 3 nm; Antlia SII 3 nm
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight; BlurXTerminator; NoiseXTerminator; GHS
