Sh 2-135
Von Sh 2-135 gibt es vergleichsweise wenige Aufnahmen. Für mich war genau das ein zusätzlicher Reiz. Der Nebel liegt rechts unten im Bild und ist nicht nur in der Gesamtwirkung sehr lichtschwach; besonders [O III] erwies sich als zäh. Trotzdem wollte ich diese Region im Kepheus nicht aufgeben. Am Ende kamen über 15 Nächte zwischen dem 17. September und dem 28. Oktober 2024 insgesamt 49 h 15 min Belichtungszeit zusammen.
Fast die Hälfte der Zeit floss in den schwächsten Kanal
Ich sammelte 10 h 55 min Hα, 24 h 05 min [O III] und 14 h 15 min [S II]. Dass OIII mit Abstand die längste Integrationszeit erhielt, sieht man dem fertigen Bild nicht unmittelbar an – genau das beschreibt das Problem. Der Sauerstoffkanal blieb schwach, während Hα die großflächigen Emissionsstrukturen viel deutlicher trägt. Für die SHO-Bearbeitung musste ich deshalb aufpassen, das geringe OIII-Signal nicht durch zu aggressive Streckung künstlich gleichwertig erscheinen zu lassen.
Links oben im Feld liegen weitere Hα-Strukturen, darunter LBN 491 und LBN 489. Sie machen die Aufnahme für mich zu mehr als einem engen Porträt von Sh 2-135. Der 800-mm-Ausschnitt zeigt, wie die kompaktere H-II-Region in eine sehr viel diffusere Emissionslandschaft eingebettet erscheint.
Star #44 ist die konkrete Ionisationsquelle von Sh 2-135
Eine A&A-Arbeit von 2025 identifiziert den dort als Star #44 bezeichneten O-Stern als wichtigste Ionisationsquelle der H-II-Region. Besonders interessant ist seine Lage: Der Stern steht projiziert etwa 2,5 pc von der Spitze der markanten Säulen- beziehungsweise Randstruktur entfernt. Damit lässt sich die sichtbare helle Grenzfläche an eine konkrete stellare Quelle koppeln, statt nur allgemein von „jungen heißen Sternen“ zu sprechen.
SIMBAD führt Sh 2-135 außerdem unter den Bezeichnungen LBN 492 und KR 47 als H-II-Region. Die Entfernung ist deutlich weniger eindeutig als die Objektidentität. In der Literatur finden sich voneinander abweichende Werte; für die Seite verwende ich deshalb bewusst eine Spannweite von ungefähr 3.900 bis 6.200 Lichtjahren und vermeide eine Scheingenauigkeit.
Die helle Kante wird als Blister-H-II-Region beschrieben
Die aktuelle Untersuchung greift ältere Geschwindigkeitsmessungen auf, nach denen ionisiertes Gas mit etwa 4 km/s von der angrenzenden CO-Wolke wegströmt. Das passt zu einer sogenannten Blister-Geometrie: Die ionisierte Region sitzt an der Oberfläche einer dichteren Molekülwolke und Gas kann von der beleuchteten Grenzfläche wegfließen. Für den bogenförmigen Infrarotbereich vor Star #44 wird sogar diskutiert, dass ein photoevaporativer Strom von ungefähr 16 km/s die beobachtete Stoßstruktur erklären könnte.
Dieser konkrete Befund ist für meine Aufnahme viel hilfreicher als eine allgemeine Erklärung darüber, wie H-II-Regionen entstehen. Die helle Kante, die dunkleren Einschnitte und die ungleichmäßige Emission bekommen dadurch einen objektspezifischen physikalischen Zusammenhang: Hier treffen die Strahlung des O-Sterns, die Oberfläche der Molekülwolke und ausströmendes ionisiertes Gas aufeinander.
Die lange Belichtungszeit passt zur wissenschaftlichen Unsicherheit
Sh 2-135 ist für mich auch deshalb ungewöhnlich, weil sich die fotografische Schwierigkeit und die dünnere populärwissenschaftliche Dokumentation ergänzen. Als ich die Aufnahme erstellte, fand ich kaum belastbare Informationen und hätte gern mehr über die Region geschrieben. Inzwischen gibt es mit der 2025er Untersuchung einen deutlich konkreteren Ansatz, insbesondere zur Ionisationsquelle und zur Dynamik an der Wolkenkante.
Das ändert meine ursprüngliche Erfahrung mit dem Motiv nicht: Fast 50 Stunden waren nötig, und vor allem OIII blieb schwach. Aber genau diese Kombination macht die Seite heute interessanter. Das Bild dokumentiert einen sehr schwierigen Schmalbanddatensatz; die neuere Literatur liefert dazu eine physikalische Erklärung der wichtigsten lokalen Strukturen, ohne mehr Sicherheit bei der Entfernung vorzutäuschen, als die Daten tatsächlich hergeben.
Aufnahmeplanung für Baden-Württemberg
Berechnung aus den Objektkoordinaten; berücksichtigt astronomische Dunkelheit und die Höhe über dem Horizont.
Aufnahme und Technik
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 17.09. bis 28.10.2024 (15 Nächte)
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 49 h 15 min
- Belichtungsangaben
- Hα: 131 × 300 s = 10 h 55 min;OIII: 289 × 300 s = 24 h 05 min;SII: 171 × 300 s = 14 h 15 min
- Teleskop / Optik
- Lacerta Newton 8″ f/4, 800 mm
- Kamera
- QHY268M PH
- Filter
- Antlia Ha 3 nm; Antlia OIII 3 nm; Antlia SII 3 nm
- Korrektor / Reducer
- GPU 2″ Komakorrektor
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight; BlurXTerminator; NoiseXTerminator; SPCC; GHS
