Sh 2-240 – Spaghettinebel
Sh 2-240 beziehungsweise Simeis 147 ist so groß, dass seine rund drei Grad Winkelausdehnung ungefähr sechs Vollmonddurchmessern entspricht. Das eigentliche Bildmotiv sind für mich die zahllosen dünnen, gebogenen Filamente, die sich wie Spaghetti durch das Feld ziehen.
Eine drei Grad große Schale in rund 4.500 Lichtjahren Entfernung
Eine 2024 veröffentlichte Distanzstudie setzt S147 auf etwa 1,37 kpc beziehungsweise rund 4.470 Lichtjahre. Das ist weiter entfernt als die frühere 3.000-Lichtjahre-Angabe meiner Seite. Bei dieser Entfernung entspricht die enorme Winkelausdehnung einer sehr großen physischen Schale.
In meiner Aufnahme wirkt der Überrest trotzdem nicht wie eine geschlossene Blase. Die hellsten Stoßbereiche erscheinen als extrem schmale, weit voneinander entfernte Fäden; schwache Verbindungen dazwischen verschwinden schnell in Gradienten und Rauschen. Genau deshalb ist die Bearbeitung so anspruchsvoll: Ich möchte die großräumige Struktur erhalten, ohne den Hintergrund künstlich zu „filamentieren“.
eROSITA stützt eine Expansion in einer vorbestehenden Kavität
Sh 2-240 wird mit dem Pulsar PSR J0538+2817 in Verbindung gebracht. Alter und Dynamik ergeben jedoch kein vollständig einfaches Bild, wenn man eine gleichförmige Expansion in homogenem Gas annimmt. Neuere eROSITA-Arbeiten stützen ein Szenario, in dem die Supernova in einer bereits vorhandenen Kavität stattfand und die Stoßfront heute auf unterschiedlich dichtes Material trifft.
Für mein Bild ist genau diese heutige Umgebung entscheidend: Die sichtbaren Filamente markieren Regionen, in denen die Stoßfront optisch besonders effizient leuchtet. Ein einzelner Standardwert zum „Alter des Überrests“ erklärt ihre ungleichmäßige Verteilung wesentlich schlechter als die lokale Gasstruktur.
Sh 2-242 steht als kleiner roter Fleck weit im Hintergrund
Oben rechts im Feld ist zusätzlich der kleine Emissionsnebel Sh 2-242 zu erkennen. Er liegt mit ungefähr 8.800 Lichtjahren deutlich weiter entfernt als S147 und hat physisch nichts mit dem Supernovaüberrest zu tun. Im großen Bild wirkt er nur wie ein kompakter rötlicher Fleck zwischen den weitläufigen Filamenten.
Drei Grad entsprechen hier grob 230 Lichtjahren
Setzt man die gemessene Distanz von rund 1,37 kpc mit den ungefähr drei Grad Winkeldurchmesser zusammen, ergibt sich für S147 eine Größenordnung von etwa 70 pc beziehungsweise rund 230 Lichtjahren. Das macht den Maßstab meiner Weitfeldaufnahme besonders deutlich: Die hauchdünnen Fäden, die im Bild nur wenige Pixel breit wirken können, sind Abschnitte einer Schale mit einer Ausdehnung von vielen Dutzend Lichtjahren. Die scheinbare Feinheit im Bild darf deshalb nicht mit einer kleinen physischen Struktur verwechselt werden.
Gerade dieser „Beifang“ gefällt mir als Tiefenmarker: Der riesige scheinbare Spaghettinebel liegt im Vordergrund, während ein viel kleiner erscheinendes H-II-Gebiet tatsächlich deutlich weiter entfernt ist. Ohne die Entfernungsangaben würde man diese Tiefenstaffelung dem zweidimensionalen Bild kaum ansehen.
Die neue Distanz macht die riesige physische Größe belastbarer
Mit 1,37 kpc liegt für Simeis 147 inzwischen eine wesentlich besser begründete Entfernung vor als in vielen älteren Amateurangaben. Kombiniert mit den rund drei Grad Winkeldurchmesser ergibt sich eine Größenordnung von ungefähr 230 Lichtjahren. Das passt zu meiner Bildplanung: Schon bei kurzer Brennweite füllt der Überrest einen enormen Himmelsbereich. Die langen, dünnen Filamente sind deshalb keine kleine Nebelschale, die nur stark vergrößert wurde, sondern Teil eines tatsächlich riesigen Stoßfrontsystems.
Die „Schaumstruktur“ der Filamente passt zum Kavitäten-Szenario
Im eROSITA-Modell trifft die Supernova-Stoßfront nach der schnellen Expansion durch eine dünne vorbestehende Kavität auf eine dichtere Hülle. Dort wird der Vorwärtsschock rasch strahlend und kann durch Instabilitäten die charakteristische schaumig-filamentäre Hα-Struktur erzeugen. Genau diese zerrissene Netzform dominiert meine Aufnahme. Das Modell erklärt damit nicht nur Röntgendaten, sondern liefert auch einen konkreten physikalischen Zusammenhang für die optisch so auffälligen Spaghetti-Fäden, ohne jedem einzelnen Filament dieselbe Stoßgeschwindigkeit zuzuweisen.
Aufnahmeplanung für Baden-Württemberg
Berechnung aus den Objektkoordinaten; berücksichtigt astronomische Dunkelheit und die Höhe über dem Horizont.
Aufnahme und Technik
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 08.01. bis 20.01.2024 (6 Nächte)
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 33 h 40 min
- Belichtungsangaben
- RGB: 3 h 00 min;Hα: 13 h 55 min;OIII: 16 h 45 min
- Teleskop / Optik
- Askar 200 mm f/4 (2. Generation)
- Kamera
- QHY268M PH
- Filter
- Antlia R; Antlia G; Antlia B; Antlia Ha 3 nm; Antlia OIII 3 nm
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight; BlurXTerminator; NoiseXTerminator; GHS
