Sh 2-86 mit NGC 6823
Das Bild zeigt Sh 2-86 mit dem eingebetteten jungen Sternhaufen NGC 6823. Besonders auffällig ist für mich die verdichtete Säule nahe dem Zentrum: Ihre Form erinnert an die bekannten Säulen der Schöpfung im Adlernebel M16. Die Aufnahme ist als SHO-Falschfarbenbild in einer Hubble-Palette entwickelt.
NGC 6823 liefert die massereiche junge Population
Sh 2-86 gehört zum Sternentstehungsgebiet Vulpecula OB1. Neuere Arbeiten setzen die Region in eine Distanzgrößenordnung von ungefähr 2,0 bis 2,3 kpc, also rund 6.500 bis 7.500 Lichtjahren. Damit war meine frühere Angabe von nur etwa 2.000 bis 2.200 Lichtjahren deutlich zu klein.
Der offene Haufen NGC 6823 enthält mehrere heiße massive Sterne, deren Strahlung das umgebende Gas ionisiert und die Wolkenränder prägt. Studien der jungen Population finden Alterswerte von ungefähr ein bis fünf Millionen Jahren. In meiner Aufnahme liegt die auffällige dunkle Säule im Strahlungsfeld dieses Haufens; ihr heller Rand und der dichte dunkle Kern lassen sich deshalb direkt mit der lokalen Gas- und Staubstruktur verbinden.
Die Säule erinnert an M16 – ist aber ein eigenes System
Der Vergleich mit den „Säulen der Schöpfung“ ist nur eine anschauliche Beschreibung der Form. M16 liegt selbstverständlich nicht im Bild und ist physisch nicht mit Sh 2-86 verbunden. Gerade in der SHO-Darstellung treten die hellen Grenzflächen und dunklen dichten Bereiche so deutlich hervor, dass die Ähnlichkeit besonders auffällt.
Ob Teile der Sternentstehung in Vulpecula OB1 durch ältere großräumige Ereignisse ausgelöst wurden, wird diskutiert. Für einen direkten kausalen Zusammenhang mit einem bestimmten Supernovaüberrest gibt es jedoch keine so eindeutige Evidenz, dass ich ihn als Tatsache formulieren möchte. Die sichere Aussage ist die heutige räumliche Verbindung von jungem Haufen, ionisiertem Gas und Molekülwolken.
NGC 6820 ist nicht der Name des gesamten Nebelkomplexes
Viele Amateuraufnahmen nennen den großen Nebel rund um NGC 6823 „NGC 6820“. Das ist irreführend: NGC 6820 bezeichnet einen kleineren Nebelbereich und nicht den gesamten Sh-2-86-Komplex. Der kleine Bereich, den ich in meinem ursprünglichen Text als NGC 6820 bezeichnet hatte, ist in dieser Aufnahme nicht das Hauptmotiv.
Deshalb führe ich die Seite bewusst als Sh 2-86 mit NGC 6823. Eine verbreitete, aber ungenaue Amateurbezeichnung möchte ich deshalb nicht einfach weitertragen.
Die jüngsten Scheibensterne sind im Haufen nicht gleich verteilt
Die Untersuchung von Riaz und Kollegen zeigt innerhalb von NGC 6823 eine deutliche räumliche Struktur: Junge Class-I/II-Quellen mit Infrarotüberschuss häufen sich besonders im östlichen Teil des Haufens und nahe dem zentralen Trapezium aus heißen O- und B-Sternen. Gleichzeitig ist die Extinktion über das Feld stark unterschiedlich und im Osten besonders hoch. Das passt zu dem, was mich an der Aufnahme visuell reizt: Sternhaufen und Nebel wirken nicht wie eine gleichmäßig ausgeleuchtete Fläche, sondern wechseln mit dunklen, dichteren Wolkenzonen.
Die säulenartigen Strukturen nordöstlich von NGC 6823 gehören genau in diesen Zusammenhang. Sie markieren dichtes Material in einer Region, in der junge Sterne und ihre Scheibenpopulation räumlich konzentriert auftreten. Damit bekommt die von mir hervorgehobene Säule eine konkretere Einordnung als nur den Formvergleich mit M16.
Die jungen Scheibensterne konzentrieren sich nicht im gesamten Haufen gleich
Die Spitzer-gestützte Untersuchung von NGC 6823 fand junge Quellen mit Scheiben vor allem in bestimmten Bereichen; der westliche Teil des Haufens enthält dagegen überwiegend weiter entwickelte Class-III- beziehungsweise Feldsterne und vergleichsweise wenige Scheibenquellen. Damit ist die junge Population räumlich nicht homogen verteilt. Die auffällige Säule in meiner Aufnahme liegt also in einer Region, deren Sternentstehungsgeschichte lokal unterschiedlich verlaufen kann. Das ist wesentlich konkreter als die pauschale Aussage, dass „in Säulen neue Sterne entstehen“.
Aufnahmeplanung für Baden-Württemberg
Berechnung aus den Objektkoordinaten; berücksichtigt astronomische Dunkelheit und die Höhe über dem Horizont.
Aufnahme und Technik
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 04.04.bis 02.06.2023 (5 Nächte)
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 16 h 15 min
- Belichtungsangaben
- 16 h 15 minHa: 57 × 300 s = 4 h 45 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus High GainOIII: 81 × 300 s = 6 h 45 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus High GainSII: 57 × 300 s = 4 h 45 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus High Gain
- Teleskop / Optik
- Lacerta Newton 8″ f/4, 800 mm
- Kamera
- QHY268M PH
- Filter
- Antlia Ha 3 nm; Antlia OIII 3 nm; Antlia SII 3 nm
- Korrektor / Reducer
- GPU 2″ Komakorrektor
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight; BlurXTerminator; NoiseXTerminator; SPCC; GHS
