Sh 2-92
Keine Ahnung, warum ich im Herbst 2024 gleich mehrere eher exotische Objekte aufgenommen habe. Sh 2-92 gehört jedenfalls genau in diese Serie. Der Nebel ist groß, schwach und deutlich weniger bekannt als die klassischen Sommerobjekte im Schwan und im Fuchs. Rechts in meinem Bild liegt mit LDN 810 zusätzlich eine dunkle Wolke, die sich wie ein tiefer Einschnitt gegen die schwache Emission absetzt.
Eine große Region mit weiterhin unsicherer Distanz
Bei Sh 2-92 ist die Entfernung nicht so eindeutig, wie eine einzelne Zahl suggerieren würde. In der Literatur finden sich Zuordnungen um etwa 4,4 kpc beziehungsweise rund 14.300 Lichtjahre, daneben aber auch abweichende Werte. Bei einer Winkelausdehnung von grob 40 bis 50 Bogenminuten würde eine Distanz um 4,4 kpc einer physischen Größenordnung von ungefähr 170 bis über 200 Lichtjahren entsprechen. Diese Größe hängt jedoch direkt an der noch unsicheren Entfernung und ist deshalb kein präzise vermessener Durchmesser.
WR 127 ist ein enges Doppelsternsystem
Eine wichtige heiße Quelle in der Region ist WR 127 beziehungsweise HD 186943. Ältere Angaben klassifizierten das System zum Teil als WN3 + O9.5V. Eine detaillierte spektroskopische Untersuchung kommt dagegen auf WN5o + O8.5V. Beide Sterne umlaufen einander in nur 9,555 Tagen; für die Komponenten wurden Massen von ungefähr 13,4 und 23,9 Sonnenmassen abgeleitet. Die Sternwinde kollidieren im System miteinander. Für die Interpretation von Sh 2-92 ist damit wichtig, dass hier kein einzelner isolierter Wolf-Rayet-Stern steht, sondern ein sehr energiereiches massereiches Doppelsternsystem.
In meinem Bild liegt der Stern nicht als dominantes fotografisches Objekt im Vordergrund. Seine Bedeutung erschließt sich erst über den ausgedehnten Nebel: Die großflächige schwache Emission ist die sichtbare Umgebung, in der die Strahlung und Winde massereicher Sterne wirken. Weitere heiße Sterne können zur Energiebilanz der Region beitragen, weshalb ich WR 127 nicht als einzige zweifelsfrei festgelegte Quelle des gesamten Komplexes beschreibe.
LDN 810 steht als dunkler Gegenpol rechts im Feld
Fotografisch ist für mich der rechte Bildbereich besonders interessant. Dort liegt LDN 810 als Dunkelnebel vor dem Sternhintergrund und teilweise vor beziehungsweise neben dem leuchtenden Gas. Während Sh 2-92 nur geringe Helligkeitsunterschiede über eine große Fläche zeigt, entfernt die Staubwolke im sichtbaren Licht Sterne und Hintergrundemission fast vollständig. Dieser Kontrast macht die räumliche Struktur des Feldes viel deutlicher als der schwache Emissionsnebel allein.
Die schmalbandige Darstellung hilft zusätzlich, die ungleichmäßige Emission aus dem Hintergrund herauszuarbeiten. Dabei zeigen die Farben nicht die natürliche Wahrnehmung des Nebels, sondern die relativen Beiträge der getrennt aufgenommenen Emissionslinien in meiner Bearbeitung. Besonders an den Grenzen zu LDN 810 sollte die Bildbearbeitung deshalb nicht künstlich „aufhellen“: Der dunkle Bereich ist selbst ein reales astronomisches Objekt.
Ein Motiv, bei dem Unsicherheit Teil der wissenschaftlichen Geschichte ist
Sh 2-92 ist für mich ein gutes Beispiel dafür, dass bei wenig untersuchten galaktischen Nebeln nicht jede populäre Zahl denselben Status besitzt. Die Winkelausdehnung lässt sich direkt am Himmel messen, die physische Größe dagegen erst aus der Entfernung ableiten. Solange die Distanz des gesamten Komplexes nicht so präzise abgesichert ist wie bei manchen Gaia-basierten H-II-Regionen, bleibt die Größenangabe entsprechend unscharf.
Gerade diese Kombination aus sehr schwacher großflächiger Emission, dem massereichen WR-127-System und dem deutlich sichtbaren Dunkelnebel LDN 810 macht die Aufnahme für mich rückblickend interessanter, als es der wenig bekannte Katalogname zunächst vermuten lässt.
Aufnahmeplanung für Baden-Württemberg
Berechnung aus den Objektkoordinaten; berücksichtigt astronomische Dunkelheit und die Höhe über dem Horizont.
Aufnahme und Technik
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 18.09. bis 01.11.2024 (13 Nächte)
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 32 h 30 min
- Belichtungsangaben
- 32 h 30 minHa: 116 × 300 s = 9 h 40 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus High GainOIII: 120 × 300 s = 10 h, Gain 56, Offset 30, Kameramodus High GainSII: 154 × 300 s = 12 h 50 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus High Gain
- Teleskop / Optik
- Lacerta Newton 8″ f/4, 800 mm
- Kamera
- QHY268M PH
- Filter
- Antlia Ha 3 nm; Antlia OIII 3 nm; Antlia SII 3 nm
- Korrektor / Reducer
- GPU 2″ Komakorrektor
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight; BlurXTerminator; NoiseXTerminator; SPCC; GHS
