Der Tulpennebel war mein erstes SHO-Bild mit meiner damals neuen Monokamera QHY268M PH. Ich entwickelte die Schmalbanddaten in einer Hubble-Farbpalette, weil sich die feinen Strukturen des Nebels dadurch für mich deutlich besser voneinander absetzen. Zum direkten Vergleich habe ich außerdem eine HaLRGB-Fassung in einer wesentlich farbnäheren Darstellung bearbeitet.
HD 227018 liefert einen wesentlichen Teil der ionisierenden Strahlung
Sh 2-101 ist eine H-II-Region im Sternbild Schwan. Für die Energieversorgung der Region wird der frühe O-Stern HD 227018 herangezogen. Eine Gaia-DR2-basierte Untersuchung von Cyg OB3 klassifiziert ihn als O6.5III und bestimmt für den Stern einen Gaia-basierten Abstand von 2,12 ± 0,15 kpc. Ältere Untersuchungen der H-I-Strukturen setzen Sh 2-101 selbst bei etwa 2,47 kpc an und nennen einen O6-Stern als Ionisationsquelle. Statt daraus eine künstlich präzise gemeinsame Distanz zu konstruieren, fasse ich den plausiblen Bereich für die Region mit ungefähr 2,1 bis 2,5 kpc zusammen – rund 6.900 bis 8.100 Lichtjahre.
In meinem Bild befindet sich die helle Sternzone nicht einfach im geometrischen Zentrum einer gleichmäßig leuchtenden Wolke. Die helleren Bögen und dunkleren Einschnitte machen deutlich, dass Gas und Staub ungleich verteilt sind. Die energiereiche Strahlung des frühen O-Sterns trifft deshalb auf sehr verschiedene Säulendichten und erzeugt keine symmetrische Nebelform.
Die „Tulpe“ misst am Himmel nur etwa 16 × 9 Bogenminuten
Der eigentliche helle Sh-2-101-Komplex ist am Himmel vergleichsweise kompakt. Für seine auffällige zentrale Struktur werden ungefähr 16 × 9 Bogenminuten angegeben. In meinem Bild ist das wichtig, weil sich außerhalb dieser helleren „Tulpenform“ noch wesentlich großflächigere Cygnus-Emission befindet. Nicht jedes schwache rote oder schmalbandige Signal im Umfeld gehört daher automatisch zum eigentlichen katalogisierten Nebel.
Bei einer Distanz von gut zwei Kiloparsec entspricht schon diese scheinbar kleine Winkelgröße einer Struktur von mehreren zehn Lichtjahren. Die oft zitierte physische Größe hängt dabei unmittelbar an der gewählten Entfernung und daran, wo man die diffuse Begrenzung des Nebels ansetzt.
SHO und HaLRGB betonen unterschiedliche Strukturen
Meine SHO-Fassung beruht auf separat belichteten Wasserstoff-, Sauerstoff- und Schwefellinien, die ich anschließend den Farbkanälen zugeordnet habe. Dadurch treten Unterschiede im Linienverhältnis sehr deutlich hervor. Die Farben sind also keine natürliche visuelle Farbe des Nebels, aber die darin sichtbaren Filamente, Grenzflächen und Helligkeitsunterschiede sind reale Strukturen in den jeweiligen Emissionslinien.
Die HaLRGB-Version wirkt dagegen wesentlich vertrauter und zeigt stärker, wie der Nebel in einer farbnäheren Darstellung erscheint. Für mich ist der direkte Vergleich beider Bearbeitungen gerade bei Sh 2-101 interessant: Die SHO-Version trennt feine Strukturen deutlicher, während die HaLRGB-Fassung den Gesamteindruck weniger stark durch die künstliche Farbzuordnung verändert.
Cygnus X-1 liegt nur scheinbar in derselben unmittelbaren Nebelstruktur
Sh 2-101 liegt am Himmel nahe der berühmten Röntgenquelle Cygnus X-1. Diese Nachbarschaft hat zu zahlreichen Beobachtungen der Region geführt. Für die leuchtende H-II-Region selbst ist jedoch HD 227018 die wesentlich direktere stellare Referenz. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie leicht in den dichten Sternfeldern des Schwans eine auffällige Himmelsnachbarschaft mit einer direkten physikalischen Ursache verwechselt werden kann.
Für meine Aufnahme bleibt deshalb der O-Stern mit dem umgebenden strukturierten Gas der entscheidende Zusammenhang. Genau dort, wo die helle „Tulpe“ in dunklere und schwächere Bereiche übergeht, wird sichtbar, dass Sh 2-101 keine homogene Fläche ist, sondern eine stark gegliederte Grenzregion innerhalb des reichen Cygnus-Komplexes.
Aufnahme und Technik
- Belichtungszeit SHO-Fassung / Hubble-Farbpalette
- 21 h 42 min
- Belichtungszeit HaRGB-Fassung / Echtfarbe
- 12 h 15 min – Hα als Luminanz verwendet
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 17.04.bis 20.05.2022 (9 Nächte)
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 21 h 42 min
- Belichtungsangaben
- SHO-Bild: 21 h 42 min HaRGB: 12 h 15 min (Ha als Luminanz verwendet)RGB : je 23 × 300 s = 5 h 45 min, Gain 0 , Offset 30, Kameramodus DSOL : 51 × 150 s = 2 h 7 min 30 s, Gain 0, Offset 30, Kameramodus DSOHa: 78 × 300 s = 6 h 30 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus High GainSII : 46 × 300 s = 3 h 50 min, Gain 56 , Offset 30, Kameramodus High Gain OI II: 111 × 300 s = 9 h 15 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus High Gain
- Teleskop / Optik
- Lacerta Newton 8″ f/4, 800 mm
- Kamera
- QHY268M PH
- Filter
- Antlia Ha 3 nm; Antlia OIII 3 nm; Antlia SII 3 nm
- Korrektor / Reducer
- GPU 2″ Komakorrektor
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight