Herz- und Seelennebel hatte ich bereits einzeln aufgenommen. Bei dieser Weitfeldaufnahme war für mich deshalb gerade ihr gemeinsamer Anblick interessant: Rechts liegt der große Herzkomplex IC 1805, links IC 1848/W5. Mit 200 mm Brennweite werden aus zwei vertrauten Einzelmotiven Teile einer viel größeren Sternentstehungslandschaft.
Herz und Seele liegen nur scheinbar auf derselben Ebene
Für IC 1805 ergeben Gaia-basierte Arbeiten eine Entfernung um 1,85 kpc beziehungsweise rund 6.000 Lichtjahre. Die jungen Komponenten von W5/IC 1848 liegen eher bei ungefähr 2,1 bis 2,2 kpc. Im fertigen Bild gehen die schwachen Emissionszüge zwischen beiden Regionen fast ineinander über; räumlich sind die publizierten Distanzen aber nicht identisch.
Das ist für meine Aufnahme besonders interessant, weil die kurze Brennweite den Eindruck eines einzigen riesigen Nebelgebietes erzeugt. Die Astrometrie zeigt dagegen, dass man hier unterschiedliche Teilkomplexe derselben großen Perseus-Arm-Landschaft entlang einer ähnlichen Sichtlinie sieht.
Melotte 15 prägt die innere Struktur von IC 1805
Im Zentrum des Herznebels sitzt der junge Sternhaufen Melotte 15. Zu seinen energiereichsten Mitgliedern gehören HD 15558 und HD 15570. Ihre Strahlung und Sternwinde wirken unmittelbar auf das umgebende Gas. In meiner SHO-Aufnahme lässt sich das besonders an den hellen Wolkenrändern, den ausgeräumten Hohlräumen und den dunkleren Säulen rund um den Haufen verfolgen.
Im 200-mm-Feld ist Melotte 15 selbst nur ein relativ kleiner Teil des Herzens. Dadurch wird aber sein Maßstab innerhalb des gesamten IC-1805-Komplexes viel deutlicher als in einer engen Detailaufnahme: Die markanten Säulen sind lokale Strukturen in einer Nebelregion, die sich über einen großen Teil des Bildes erstreckt.
W5 besitzt eigene massereiche Sterne
Der Seelennebel IC 1848 gehört zum W5-Komplex und wird nicht von den Sternen in Melotte 15 angetrieben. Im westlichen W5-Gebiet spielt unter anderem das massereiche Mehrfachsystem HD 17505 eine wichtige Rolle. Weitere O-Sterne prägen andere Teilbereiche. Deshalb sind die großen Hohlräume und hellen Grenzflächen in IC 1848 zwar morphologisch mit Strukturen im Herznebel vergleichbar, sie besitzen aber ihre eigenen lokalen Energiequellen.
In meiner gemeinsamen Aufnahme liegen links im Seelenbereich mehrere dunkle Einschnitte und helle Ränder, während rechts die großflächigere Herzform dominiert. Die SHO-Zuordnung macht Unterschiede der Emissionslinien sichtbar, ohne daraus eine natürliche Farbwahrnehmung vorzutäuschen.
Mehr als 28 Stunden für die schwachen Übergänge
Zwischen Ende August und Mitte September 2025 kamen in elf Nächten mehr als 28 Stunden Belichtungszeit zusammen. Für mich war nicht nur wichtig, die bekannten hellen Konturen von Herz und Seele abzubilden. Erst die tiefe Integration bringt auch die schwächeren Emissionsgebiete zwischen und außerhalb der Hauptformen hervor.
Gerade diese schwachen Verbindungen entscheiden darüber, wie das Weitfeld wirkt. Bei zu aggressiver Hintergrundkorrektur würden Herz und Seele wie zwei ausgeschnittene helle Inseln erscheinen; in der tiefen Fassung bleibt dagegen erkennbar, dass beide in einer wesentlich reicheren Milchstraßenregion stehen. Die Aufnahme verbindet damit meine früheren Einzelmotive zu einem Bild, in dem zugleich ihre unterschiedlichen Entfernungen und stellaren Quellen sichtbar eingeordnet werden können.
W5 zeigt mehrere Generationen junger Sterne
Spitzer-Daten machen im Seelennebel noch einen weiteren Unterschied sichtbar: Junge Sterne in den bereits ausgeräumten Hohlräumen sind im Mittel weiter entwickelt als Objekte, die noch mit dichtem Molekülgas zusammenfallen. In einer großen W5-Studie war das Verhältnis von Class-II- zu Class-I-Quellen innerhalb der Hohlräume etwa siebenmal höher als in den gasreichen Bereichen. Das spricht für mindestens zwei zeitlich versetzte Generationen und macht ausgelöste Sternentstehung durch die expandierenden H-II-Regionen plausibel. Die dunklen Säulen und hellen Ränder links in meinem Bild sind damit nicht nur Formen, sondern aktive Grenzzonen.