In diesem Bild ist tatsächlich sehr viel los. Der Hummerscherennebel Sh 2-157 im linken oberen Bereich war der eigentliche Anlass für die Aufnahme, aber mit 200 mm Brennweite wurde daraus ein Panorama durch eine der objektreichsten Regionen an der Grenze von Kassiopeia und Kepheus. In der Mitte liegt der Blasennebel NGC 7635, daneben M52; außerdem stehen NGC 7538, NGC 7510, Sh 2-159, Sh 2-161 und IC 1470 im Feld. Genau diese Dichte macht die Aufnahme für mich spannender als ein enges Porträt nur der „Schere“.
Die eigentliche Hummerschere heißt in der Literatur SG 13
Die markante nördliche Struktur von Sh 2-157 wird in der Fachliteratur als SG 13 bezeichnet. Sie besitzt eine klauenartige Ausdehnung von ungefähr 35 × 40 Bogenminuten und ist mit dem jungen offenen Sternhaufen Markarian 50 verbunden. Dessen auffälligstes Mitglied ist WR 157, ein Wolf-Rayet-Stern in einem Doppelsternsystem. Für SG 13 wird eine Entfernung von etwa 3,7 ± 1,2 kpc angesetzt; Markarian 50 selbst liegt photometrisch bei rund 3,46 kpc.
Damit ist die Form nicht nur ein hübscher Namensgeber. Radio-, Infrarot- und CO-Daten zeigen Gas und molekulares Material, das räumlich zur Region gehört. Die Untersuchung von Vasquez, Cappa und Pineault kommt zu dem Ergebnis, dass die Kinematik und Verteilung des Materials damit vereinbar sind, dass WR 157 die Umgebung um Markarian 50 wesentlich formt. Die hellsten Sterne des Haufens liefern zugleich einen wichtigen Anteil des ionisierenden Strahlungsfeldes.
Das 200-mm-Feld legt völlig verschiedene Entfernungen übereinander
Auf dem fertigen Bild wirken alle Objekte wie Teile einer einzigen Nebellandschaft. Das ist eine reine Projektion. Schon die beiden offenen Sternhaufen illustrieren das: Für M52 liefert eine Gaia-EDR3-Analyse eine deutlich andere räumliche Einordnung und ein Alter von etwa 120 ± 20 Millionen Jahren, während NGC 7510 in einer Studie bei 2818 ± 247 pc liegt und mit etwa 18 ± 6 Millionen Jahren wesentlich jünger ist. Sie stehen im Bild nahe an Emissionsnebeln, gehören aber nicht automatisch zu derselben physikalischen Struktur.
Auch IC 1470 ist als eigene H-II-Region katalogisiert und trägt die Bezeichnung Sh 2-156. Für mich ist das einer der großen Vorteile dieses Weitfelds: Die Aufnahme zeigt keine „Objektliste“ nebeneinander, sondern macht unmittelbar sichtbar, wie unser Blick durch den Perseusarm und weitere Strukturen verschiedene Tiefenebenen auf dieselbe zweidimensionale Fläche projiziert.
Der Blasennebel bleibt selbst bei 200 mm überraschend detailreich
NGC 7635 liegt ungefähr in der Mitte des Feldes. Von ihm habe ich auch eine deutlich engere Aufnahme mit meinem 800-mm-Lacerta-Newton. Trotzdem erstaunt mich, wie gut die Blase hier trotz der viermal kürzeren Brennweite erkennbar bleibt. Im Weitfeld verliert sie zwar ihre Rolle als Hauptmotiv, gewinnt aber Kontext: Erst hier sieht man, wie klein die bekannte Blase gegenüber der großräumigen Emissionslandschaft wirkt.
Ähnlich geht es mir mit NGC 7538. In einer Detailaufnahme würde seine eigene Struktur dominieren; hier ist er nur einer von mehreren helleren Knoten in einem Feld, das ständig zwischen Sternhaufen, H-II-Regionen und diffuser Emission wechselt.
SHO trennt die Strukturen besser als eine einheitliche rote Fläche
Die Daten entstanden zwischen dem 10. August und dem 8. September 2023 in sieben Nächten. Ich sammelte 7 h 35 min Hα, 10 h 10 min [O III], 10 h 35 min [S II] und drei Stunden RGB für die Sterne. Die Entwicklung nach der Hubble-Palette war hier für mich besonders sinnvoll, weil sich die zahlreichen überlagernden Emissionsbereiche farblich und strukturell besser voneinander absetzen als in einer rein rot dominierten Darstellung.
Das Ergebnis ist deshalb weniger eine klassische Einzelobjektaufnahme als eine Übersicht. Sh 2-157 bleibt der Namensgeber und sitzt links oben, aber das Bild lebt gerade davon, dass der Blick immer wieder zu NGC 7635, M52, NGC 7510, IC 1470 und den vielen schwächeren Emissionsflächen wandert. Für mich zeigt diese Aufnahme sehr anschaulich, wofür die 200 mm Brennweite gedacht waren.
Aufnahme und Technik
- Aufnahmedatum / Zeitraum
- 10.08. bis 08.09.2023 (7 Nächte)
- Aufnahmeort
- Filderstadt, Bortle 5
- Gesamtbelichtungszeit
- 31 h 20 min
- Belichtungsangaben
- 31 h 20 minHa: 91 × 300 s = 7 h 35 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus High GainOIII: 122 × 300 s = 10 h 10 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus High GainSII: 127 × 300 s = 10 h 35 min, Gain 56, Offset 30, Kameramodus High Gain RGB je 30 × 120 s = 3h, Gain 0, Offset 30, Kameramodus DSO
- Teleskop / Optik
- Askar 200 mm f/4 (2. Generation)
- Kamera
- QHY268M PH
- Filter
- Antlia Ha 3 nm; Antlia OIII 3 nm; Antlia SII 3 nm
- Montierung
- Sky-Watcher EQ-AZ 6
- Bildbearbeitung
- PixInsight; BlurXTerminator; NoiseXTerminator; GHS